Alltag

Kleidertausch und Tanz-Abklatsch.
Das Stiefel-Spektakel am Spielbudenplatz

Logo des Musicals Kinky Boots

 Das linke Standbein im roten Stiefel, der Fusz mit Stiletto-Absatz ist einwärts gedreht, ebenfalls einwärts gedreht das unsicher stehende rechte Bein, das linke nur am Knie berührend. Plakatwände, Busse, Taxenaufsteller, die Werbeflächen der Touristen-Steh-Roller präsentierten das rote K Metropol-region-weit. Das K ist Abbreviatur und Logo des Musicals Kinky Boots. Kinky bedeutet verrückt oder auch sexy. Wort und Bild sind Glücks-Fälle, glücklich die Einheit von Buchstabe und Ding, das Leuchten des Rots, der Klang des Wortes, die Simplizität des Zeichens, der Verzicht auf Übersetzung. Das Kürzel sexualisiert sich in Reeperbahn-Nähe selbsttätig, Stiefel mit Absätzen sind Arbeitsbekleidungen im Kontext käuflicher Sexualität und Dominanz-Inszenierungen, von Wechselspielen, Anmaszungen und Transgender; Frauen in Stiefeln, entblöszte Männer, ganz klar verrückte Welten, ein Fetisch-Spiel gibt es gratis dazu. Die Kreativen der Werbeagentur Heimat Hamburg haben mindestens das alles gedacht und als Kampagnenteil an Stage Entertainment GmbH verkauft. (Für die Merchandising-Artikel war mindestens eine Junior Art Direktorin abgestellt.)

In unmittelbarer Nähe des Musical-Aufführungsortes wie auch der Werbeagentur endete der Versuch, grosze rote Stiefel an Deutschlands grösztes Bismarck-Denkmal zu heften. Die damit beauftragte junge Frau stürzte laut Meldungen vom 21.9.2017 mehrere Meter in die Tiefe und erlitt Knochenbrüche und ein Schädelhirntrauma. Die Lokalpresse informierte über das Nicht-Vorliegen einer behördlichen Genehmigung und zitierte die Meldung des Musical-Unternehmens: „Im Rahmen einer Toleranz und Weltoffenheit thematisierenden Kunst-Aktion für das Musical Kinky Boots, die Stage Entertainment beauftragt hatte, ist heute Vormittag eine Künstlerin am Bismarck-Denkmal gestürzt und hat sich dabei verletzt.“

Es gelang nicht, dem kaiserzeitlichen Granit-Monument, das den Reichskanzler als Roland-Figur zeigt und den die Zeitgenossen in Kürrassier-Uniform mit Over-Knee Stiefeln kannten, ein feminin-sexy Attribut bzw. Accessoire anzuhängen.

Es gelang aber sehr wohl, die Begriffe Kunst und Toleranz auf die Agenda zu setzen. Dankbar griffen die Medien das Thema TOLERANZ auf. 

Besprechungen

Die Berichte des Norddeutschen Rundfunks sind Tiefpunkt des Journalismus oder Produkt einer outgesourcten PR-Abteilung der Stage Entertainment. Die Lieblings-Medien-Transe und Kiez-Groszvermarkterin Olivia Jones spricht ins Mikro: „ein Musical über Toleranz“, die Zuschauerin erfährt, es handle sich um ein „preisgekröntes Broadway-Musical“, das „phantastisch“ sei und „jedem zu Herzen ging“. Nun frage ich mich bei etwa 90 Prozent der NDR-Beiträge, wann genau und warum die Beiträger aufgehört haben, ihre Arbeit zu machen und stattdessen in die Rolle von Werbebotschaftern, neudeutsch testimonials, geschlüpft sind. Diese fest angestellten wie freien LobhudlerInnen würden diese meine Frage vermutlich nicht verstehen.

Die Handlung ist in einem Satz erzählt und wird in jedem Beitrag erzählt: Alteingesessene Englische Herrenschuhfabrik wird durch neue Produktionslinie gerettet: Stiletto-Stiefel und Schuhe für Drag Queens, so ist die Transe nebenbei nobilitiert. Hauptpersonen sind der eigenschaftlose weisze Fabrikerbe Charlie und die schwarze Travestie-Künstlerin Lola, die sich zufällig begegnen.

Es ist zu fragen, was das Stück am Laufen hält und die Haupt-Antwort liegt im Logo selbst. Das ist nicht als Einwand gemeint. Der NDR-Nordtour Beitrag vom 25.11.2017 zitiert den Choreographen: „Man ahnt nicht, wie schwer es ist für Männer, in high heels zu tanzen.“ Der Schwerpunkt sei verlagert und demzufolge sei auch das Singen sehr schwer. Erschwerung ist Mindestlohn und Mindestergebnis von Kunst und es ist das Circensische Minimum der Gattung Musical. Etwas zu tun, was schwer ist, etwas zu vollführen, was andere – Tiere oder Menschen – besser können. Unausgesprochen bleibt, dasz Frauen sich in hohen Schuhen bewegen können und sollen. Es folgt als Background-Chorgesang „the Sex is in the heels“, also: Sex ist im hohen Absatz – singen die das wirklich auf Deutsch? Nein, der Song geht „So’n sexy hohes Teil“.

Die Konflikte, die die Firmenrettungsstory am Leben halten und den Zuschauer seine gemeinte Überlegenheit genieszen lassen, sind die homophoben Vorurteile der gewöhnlichen Leute, verkörpert durch einen übergewichtigen Handarbeiter. Es ist der Starrsinn des unbedarften Fabrik-Erben. Es ist seine egoistischte Verlobte, die ihn nach London zerren will, fern von Papa und der ehrlichen Provinz. Im Zentrum der Konflikt zwischen Vater und Sohn, aus dem die Botschaft resultiert, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Diese Aufforderung schreibt Lola dem homophoben Fabrikarbeiter und der liest sie vor. Vater und Sohn, Lola und Charlie, Lola und Fabrikarbeiter. Gespräche oder Konflikte zwischen Frauen kommen nicht vor. Die vorkommenden Frauen beziehen sich alle auf Männer – entweder als böse Verführerin (die schwarzhaarige Immobilienmaklerin, die es auf Charlie abgesehen hat) oder das blonde Fabrikarbeiter-Aschenputtel, das Charlie letztlich kriegt. Homosexualität kommt auf der Bühne nicht vor. Einspruch! Das Begehren im Saal ist doch fluide, es mag sich beziehen auf jede Geschlechts-Konstruktion und Performerei. Mag sein, allein, ich kann es nicht messen, kein Thermo-Baro- oder Emotio-Meter zeigt es mir. Erstaunlicher Kommentar eines jungen Mannes aus der Reihe hinter mir: „Das ist mir zu gay.“

Ich bewunderte die choreographische Leistung, selbst im Tanz zwischen Frauen und Drag Queens eine saubere rote Heterosex-Linie zu ziehen.

Die Frauen sind hilflos, peinlich, selbstisch – oder eben Aschenputtel, die erhöht werden und am Schlusz auch hohe Schuhe tragen dürfen.

Welch Wonnen des Gewöhnlichen: wir Zuschauende wissen in jedem Augenblick, was kommt. (Es mag überflüssig sein, das zu konstatieren.)

Verschwendung

Überflusz und Verschwendung sind indes die Pailletten auf den Kostümen, sind die Entertainment-Botschaft und mitnichten verwerflich. Sage ich mir. Wie wäre es, die offensichtliche Binse, nämlich dasz die Botschaft komplett heterosexistisch ist, mit dem Toleranz- und Respekt-Anspruch, den NDR und Stage im Chor singen, zu kontrastieren?

Wie ist es, ausschlieszlich Kulturproduktionen zu sehen, in denen Frauen blöde, sentimental und marginal sind? Nun, es ist normal.

Normal ist ebenfalls der Kleidertausch in diese Richtung: grosze Männer in exaltiert-karikierender Frauenkleidung, die über Bühnen, öffentlich-städtische wie kommerziell-private staksen und in dieser Trans-Normalität das Publikum zum Kreischen, Singen und Lachen bringen. Und solide Rollen befestigen.

Die Männer in Frauen-Kledage treten kraftvoll auf, sie tanzen selbstbewuszt, sie sind Beine, muskulöse Beine, makellose Beine, sie haben Bizeps und Stolz und Witz. Sie haben im Sinne früherer Bälle abgeklatscht, die Frauen dürfen sich an den Rand setzen und selbst leer und des Lobes voll sein.

In der TAZ vom 9./10. Dezember heiszt es: „Es sind hervorragende Tänzer*innen, die es schaffen, im normalerweise irritationsfreien Musical-Raum Irritationen zu schaffen.“ Wie schön das wäre, ja, wirklich, das wäre es.

Mit schönen Beinen: Richard Sackville, Earl of Dorset 1613

Erste Fusznote: Beine

Im groszen Mode-Theater antworten Körper, Verhüllungen und Entblöszungen auf andere Körper-Ausstellungen von vor vielen Jahren, ja Jahrhunderten.

Der männliche Körper wurde modelliert, geschmückt, stolz präsentiert in den vormodernen Jahrhunderten, wie ein Fallbeil läszt sich die Französische Revolution sehen – danach gibt es auf den Alltagsbühnen keine Männerbeine mehr. Bald auch keine Farben mehr. Röhren in mausgrau, granitgrau, schiefergrau, bleigrau und mehr shades of grey verhüllen die Körper der Männer. Vorher hatten sie schöne Beine, Waden und Oberschenkel, Schuhe mit Schnallen und Absätzen. Während die Frauen keine Beine hatten, ihre Oberkörper enden in Stoff-Sockeln, nur ein Fusz schaut mal heraus.

Was dann erstmal so bleibt, betont und sexualisiert werden andere Frauenkörper-Teile. Ein Blick in aktuelle Mode-Journale und Auftrittsorte junger Frauen zeigt Beine, Beine, Beine, zeigt lange ranke Beine. Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken hat darauf hingewiesen, dasz bestrumpfte, zur Schau gestellte Beine ein Männlichkeits-Zitat sind. Mächtige Männer stolzierten „pfauenhaft“ jahrhundertelang mit modellierten Beinen und Schuhen mit Absatz herum.

Heute sehen wir Beine von Siegerinnen. Die Blicke wechseln, die Beine der Männer zitieren Frauen-Beine und stehen allein.

Zweite Fusznote: über Toleranz

Das liebe Wort gehört hier auch übersetzt. Es heiszt auf Deutsch: Dulden. Es klingt so wahr nach Schmerz und Grenze. Ich erdulde dies und jenes weil man es mich heiszt, die Grenzen meiner kleinen Welt will ich nicht verlassen, nichts wissen vom Anderen.

Die Idee der Toleranz hat in Deutschland eine vierhundertjährige Geschichte ergreifender Wirkungslosigkeit auf dem Buckel. Sie reimt sich auf Ignoranz.

Sexy Beine und Beine einer Arbeiterin