Was das ist, war, sein wird:
Matriarchate sind egalitäre Gesellschaften, mit Mutter-zentrierten Kulten. Frauen haben eine bevorzugte Stellung – sind aber keineswegs Herrscherinnen über alle anderen Wesen. Die weibliche Linie ist die ausschlaggebende (für Namen, Besitz, Wohnort u.a.m.) Matriarchate sind keine umgekehrten Patriarchate.
Einspruch: das sind Matriarchate in der Phantasie und in der Angst der Patriarchen und in den Hirnen all derer, denen das Patriarchat ins Hirn geschissen hat. Also zu sehr. Eine vom TÜV oder vom Dt. Institut für Normung oder vom Bundesgerichtshof verabschiedete Definition existiert übrigens nicht.
Matriarchat denken, heiszt das Patriarchat kritisieren.
Im Prozesz des Lesens und Schreibens über das Matriarchat habe ich viel gelernt und daran möchte ich Euch teilhaben lassen.
Brazilian Butt Lift – kurz: BBL

Die beiden Freundinnen bleiben vor dem kleinen Frauenidol aus Ton stehen. Vinca Kultur.
Zusatz: heutiges Serbien, Westrumänien, Westbulgarien, nördliches Bosnien.
Sie schubsen sich gegenseitig aus dem Smartfohn-Focus.
Die Figur ist nur knapp 9 Zentimeter lang.
Was meinst Du, waren sie tätowiert, diese Frauen?
Ich denke ja.
Der ganze Körper ist geschmückt mit Linien.
V-förmige Linien, Dreiecke, Zickzack.
Unter dem runden Bauch eine runde Linie.
Sie hält ihre Brüste, präsentierend, nicht verdeckend.
Irgendwie sieht der Kopf so nach Vogel aus …
Wahrscheinlich, weil die Augen an der Seite des Kopfes liegen.
Sieht die Nase nicht nach Schnabel aus?
Vielleicht ist es eine Maske.
Vögel sind dem Göttlichen am Nächsten.
Diese Figur aus Ton ist etwa 4.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung gefertigt worden. Und hier steht auch, dasz in dieser Kultur Kalender exisitierten – für 366 Tage.
In einen Tempel fiel zur Tag-und-Nachtgleiche das Sonnenlicht auf den Altar.
Wie gern würde ich die Statuette neu sehen.
Was meinst Du?
Die Figur ist so mit patriarchalem Dreck überdeckt. Überdreckt.
Ich wollte es nicht sagen. Und weisz, was Du meinst: die öffentlichen Körper der Jenners und Kardashians, dieser Märtyrer-Puppen …
Sie haben die BBL-Mode lanciert, Brazilian Butt Lift, Implantate oder Eigenfett auf den Hintern, Mode schwillt schon wieder ab. Auf den Po konnte eine dieser Creationen ein Glas abstellen.
Und das gab es schon mehrfach in der Mode, da aber war es die textile: spätes 19. Jahrhundert, der „Cul de Paris“, auch „Tornüre“ genannt, eingeschnürte Taille, dahinter ein Kissen, das so weit nach hinten ragt, als ob sich jemand unter dem Kleid versteckt.
Das Sitzen musz schwer gewesen sein.
Besonders seit die Tournüre aus Fleisch, Blut, Fett oder Silikon gefertigt wird.
Es soll die gefährlichste Schönheits-OP überhaupt sein. Hohe Embolie-Gefahr.
Und erst nach sechs Wochen kann die Operierte wieder normal sitzen.
Was müssen Frau sitzen – sie stehen zur Begutachtung durch den Mann, dann legt er sie flach.
Wenn Du meinst.
Kostet um 7.000 Euro. In Deutschland. Andere machen es billiger.
Die Schmerzen. Das schöne Geld. Die Lebensgefahr …
Wie Andersens Meerjungfrau, sie liesz sich …
Das tut mir weh.
Die Trends der Verhunzung und Verstümmelung wechseln. Aber es sind Männer, die da herumschneiden an den Frauenkörpern, die Frauen bezahlen für ihre neuen Titten und ihre neuen Ärsche. Und glauben, dasz sie sich jetzt besser fühlen, weil es ja ihre Wunsch-Körper seien.
Lasz uns nicht mehr über diese Hetero-patriarchale Kackscheisze reden.
Hast ja recht.
(Kleine Pause.)
Hab eben mal nachgeschaut, Wikipedia, Vinca-Kultur. Vinca mit dem geschmückten c, (dem kleinen V oben auf dem C): was da alles steht, Linear-Bandkeramiker und Datierung und Chromosomen und Proto-Indoeuropäer und C14-Datierung – aber nullkomma null zu MATRIARCHAT.
Aber doch Hinweise auf Marija Gimbutas.
Das ja. Und dasz nur 2 Prozent der Abbildungen männlich sind.
Also wir sie männlich lesen.
Klar.
Wir lesen überall: das Matriarchat ist das Undenkbare, das Unausprechliche.
Göttinnen
Gehen wir zurück in der Geschichte. Wir suchen nach unseren Fragen. Wir suchen nach dem, was wir weder verloren noch gefunden haben, das sind unsere Fragen nach dem Hellen und dem Dunkel, nach Leben und Tod, nach Frühling und Herbst, nach der Liebe und der Gewalt. Und nach der Überwindung der Gegensätze. Und warum überhaupt ist etwas und nicht vielmehr Nichts?
Suchen wir nach Schöpfungsgeschichten. Geschöpft wird aus Wasser, das ist klar.
Von vielen alten Göttinnen, nein, Alter und Gottheit, das kann nicht passen. Also: wir haben von vielen Göttinnen aus alter Zeit Kunde. Ich will hier erzählen von der sumerischen Inanna oder der assyrischen Ischtar und der griechischen Gaia. Inanna betritt auf einem Löwen reitend die Geschichte. Es passiert im Land zwischen den Strömen Euphrat und Tigris.

Treten wir ehrfürchtig zurück: In den allerersten Tagen, in den Tagen vor den allerersten Tagen und den Nächten vor den allerersten Nächten, in den Jahren, da die Jahre noch ohne Namen waren, als alles, was zum Leben nötig war, ins Sein gebracht wurde und als der Himmel sich fortbewegt hatte von der Erde und die Erde sich vom Himmel getrennt hatte und der Name des Menschen festgelegt wurde.
So ähnlich beginnt der Gesang auf Inanna, Königin des Himmels und der Erde.
Damit ist ein Anfang. Eigentlich ein doppelter:
Denn in der unmessbaren Zeit, einem Meer ohne Segel, ohne Hafen oder Insel, steckt die Schrift wie ein Fangnetz, es macht das Wasser zu Land, das ist, was im Anfang vor dem Anfang geschah. Wir sehen Land, wir sehen Schrift, jetzt nennen wir die Vergangenheit „Geschichte“, das Ferne Davor ist Ur- oder Vor-Geschichte. Wahrscheinlich blühen hier die Wünsche wilder, sind Seerosen und Wasserwesen schöner – während wir uns gleichzeitig das Leben grauer und bitterer vorstellen.
Ist jede neolithische oder paläolithische Menschendarstellung ein Verweis aufs Göttliche? Hat es eine Bedeutung, dasz die meisten alten menschlich gelesenen Wesen weiblich gelesen werden?
Die einen sagen so, die anderen sagen so.
Aber die Religion, die Himmelsschrift, die Himmelsbilder haben die nicht ganz eventuell zu tun mit dem, was auf der Erde so gilt? Werte, Machtverhältnisse, Betätigungen?
Eine Arbeitshypothese. Die Sumerer*innen im heutigen Irak entwickelten die Keilschrift, über 2.500 Jahre war sie gültig, lange vor KI war es möglich, sie zu lesen, das war im 19. Jahrhundert. Auf Tontäfelchen eingedrückt, doch lückenhaft überliefert ist eine Reise der Göttin Inanna in die Unterwelt zu ihrer Schwester Ereschkigal.

Reisegeschichten gehören zu den ältesten Menschen-Geschichten. Warum brechen Menschen auf? (Wie Migration eine Grundphänomen der Geschichte ist.)
Also das würde hier zu weit führen.
Warum macht sich Inanna auf den gefahrvollen Weg in die Unterwelt?
Was wissen wir sonst noch über sie?
Wörtlich ist Inanna die HIMMELSGÖTTIN. Im Morgen- und im Abendstern (wir sagen: Venus) wurde sie verehrt. Ein achtzackiger Stern ist ihr Symbol.
Die Göttin preist ihre Weiblichkeit und ihre Göttlichkeit:
Inanna setzte sich die Schugurra, die Krone der Steppe, auf ihr Haupt.
Sie wandte sich zur Schafherde, hin zum Hirten der Schafe.
Sie lehnte sich an den Apfelbaum.
Als sie sich an den Apfelbaum lehnte, war ihre Vulva wunderschön anzusehen.
Die junge Frau jauchzte über ihre wundervolle Vulva
Und beglückwünschte sich selbst zu ihrer Schönheit.
Menschlich eher denn göttlich klingt die Geschichte, die sie mit dem Verwandten und Kollegen-Gott Enki, Gott der abgründigen Wassertiefe und der Weisheit, verbindet: sie lädt ihn zu einem Bier-Wett-Trinken ein. Und sie trinkt ihn unter den Tisch und nutzt seine Schwäche. Er übergibt ihr alle 14 ME.
Die MEs sind die 14 Heiligen Gesetze. Dazu zählen unter anderem: die heiligen Gesetze von Himmel und Erde, die Hohepriesterschaft, die Göttlichkeit, die Liebeskunst und der Auf- und Abstieg aus und in die Unterwelt. Der wieder nüchtern gewordene Enki möchte die MEs zurück, ist dann aber ein fairer Verlierer.
Das Thema ist: der Weg in die Unterwelt. Womit ein für ein paar Tausen Jahre gesetzt ist.
Inferno, Hölle, Tartaros, Unterwelt, Orkus, Hades, Schattenreich, Reich der Toten, Land ohne Wiederkehr.
Hier hat mensch einen Ort für das Undenkbare. Ausgelagert an zentralem Ort.
Im „groszen Unten“ herrscht Ninlil – mit neuem Namen Ereschkigal – auch sie verwandt mit Inanna.
Gewalt erklärt ihre Zuständigkeit für die Unterwelt: ihr war Furchtbares angetan worden. Ihr Gatte Enlil hatte sie mehrfach vergewaltigt. Die anderen Götter bestraften ihn, indem sie ihn in die Unterwelt schickten.
Angeblich freiwillig folgt Ninlil ihrem Mann, angeblich aus Liebe.
In der Unterwelt bringt sie den Mondgott Nanna zur Welt.
Ninlil-Ereschkigal ist nicht nur für die Lebensgrundlagen Wasser und Getreide zuständig. Als Göttin der Unterwelt auch für den Tod.
Freiwillig sucht Inanna sie auf. Vielleicht fragen wir uns, warum sie die Gefahr sucht. Nun, Göttinnen müssen ja bestimmte Dinge tun. Gegensätze musz sie überwinden. Vielleicht auch politisch gedacht: ihren Machtbereich erweitern.
Ninschubur, die Königin des Ostens, ihre treue Freundin begleitet sie. Inanna tritt die Reise geschmückt wie eine Königin zur Hochzeit an.
Sieben Tore der Unterwelt passiert Inanna-Ishtar. An jedem der Tore musz sie etwas von den Insignien ihrer Herrschaft, ihrem Schmuck und ihren Kleidern abgeben. Nackt und tief gebeugt tritt sie Ereschkigal gegenüber.
Die nun tötet sie und hängt sie auf.
Es gäbe den Mythos nicht, wenn das das Ende wäre. Wir wissen von ihr, ich musz vorgreifen, dasz sie Tote zum Leben erwecken kann.
Ihre Retter*innen schreiben wir heute mit Gendersternchen. Denn Kurgarra und Galaturra sind nicht nur die Verbindung und Überwindung von göttlich und menschlich, sie sind androgyn, d.h. die Verbindung von männlich und weiblich. Kurgarras und Galaturras Vater ist übrigens Enki, der Gott der Weisheit.
Inanna erlebt eine Verwandlung. Der Tod gehört nun, ebenso wie bei Ereschkigal, zum Leben, beide schauen auch mit den Augen des Todes.
Zum Blühen, Wachsen, Gedeihen und zur Ernte durch den Menschen gehört auch das Absterben, der Stillstand der Vegetation im Winter.
Besonders verbunden sind die sog. „vorklassischen Göttinnen“ für Jahreszeiten, für Kreisläufe und Geburt und Tod. Häufig kommen sie in Gesellschaft von Schlangen, Vögeln und Löwen daher.
Während Inanna-Ischtar „im groszen Unten“ ist, beklagen die Menschen eine allgemeine Dürre, einen Stillstand der Vegetation. In dieser Zeit ist der Venusstern (wir sagen: Planet) nicht zu sehen.
„Ischtar ist in die Unterwelt hinabgestiegen und nicht wieder heraufgekommen.
Seit Ischtar hinab ist ins Land ohne Wiederkehr,
Bespringt der Stier nicht mehr die Kuh, schwängert der Esel nicht mehr die Eselin,
Schwängert auf den Straszen der Mann nicht mehr das junge Mädchen.
Es legt sich der Mann in sein eigenes Zimmer,
Das junge Mädchen liegt für sich allein.“
Und nach dem Unterwelt-Trip vereinigt sich Inanna-Ishtar mit ihrem Geliebten, dem Hirtengott Dumuzi. Ihr Liebesakt ermöglicht erst das Wiedererwachen von Vegetation und Landwirtschaft.
Einmal im Jahr, zur Tag- und Nachtgleiche – heute noch das jüdische Neujahrsfest – feiern sie heilige Hochzeit. Im vorderen Orient ist der Herbst die Zeit des Keimens und Wachsens, die Zeit nach den ersten Regengüssen, die den trockenem Sommer beenden.
„Er umfaszte meine Lenden mit seinen schönen Händen,
Der Hirte Dumuzi füllte meinen Schosz mit Sahne und Milch,
Er streichelte mein Schamhaar,
Er wässerte meinen Schosz.
Er legte seine Hände auf meine heilige Vulva.
Er glättete mein schwarzes Boot mit Sahne,
Er belebte mein schmales Boot mit Milch,
Er liebkoste mich auf dem Bett.“
Was können wir wissen und sagen über Geschlechterrollen der Sumerern im Alltag im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung?
Von einem reinen Matriarchat oder einer völligen Gleichberechtigung von Männern und Frauen können wir wohl nicht sprechen. Doch Frauen hatten einen wesentlichen Anteil am Handel, das Bank- und Geldverleihwesen wurde von Priesterinnen betrieben, die im staatlichen Auftrag arbeiteten. Frauen verfügten über eigenen Besitz, konnten Handel und Gewerbe betreiben und als Zeuginnen vor Gericht auftreten. Blieb die Ehe kinderlos, konnte sich der Mann eine zweite Frau nehmen.
Einige der Motive tauchen in späteren, patriarchalischeren Geschichten wieder auf: da ist der Apfelbaum (sollte es nicht besser ein Granatapfelbaum sein?) und die Frau. Ein Nachhall der Sinnlichkeit findet sich im Hohelied in der Bibel, genauer gesagt im hebräisch geschriebenen Tannach bzw. im Alten Testament, wie die Christen sagen. Bei der Göttin Ninlil können wir an die griechische Göttin Demeter (und an Radikal-Bio-Anbau) denken. Demeters Tochter Persephone wird von Hades entführt – und Demeter verbietet den Pflanzen, zu gedeihen und den Tieren, sich zu vermehren.
Ihren Tempel nahe beim Eingang zur Unterwelt zerstörte der gotische Warlord Alarich, später wurde Demeter Heiligtum in Patras mit einer Kirche bebaut. Eine gängige Praxis.
Übrigens wurde sie oft mit Schlangen dargestellt.
Schlangen-Abbildungen finden sich häufig in Gesellschaft von Göttinnen – zum Beispiel im Palast von Knossos, Kreta, 1.600 bis 1.500 v.u.Z.
Marija Gimbutas berichtet, dasz in Litauen noch Anfang des 20. Jahrhunderts Schlangen mit Respekt und Wohlwollen begegnet wurde – man fütterte sie mit Milch, ihnen Schaden zuzufügen galt als grosze Sünde.

Damit hatte das Christentum aufgeräumt. Die Schlange wurde böse, dämonisch, die Verführerin Evas und damit die Begründung für weibliche Schwäche. (Wobei wir genau das natürlich feministisch angucken und interpretieren können – das machen wir ein andermal.)
Anfangsgeschichten gibt es viele. Im alten Griechenland gibt es drei.
Drei Erzählungen – ich folge hier übrigens dem Religionswissenschaftler Karl Kerenyi – beantworteten in Bildern die Frage, woher der Anfang kommt, woher das Leben und die Dinge. Aufgeschrieben hat sie der Bauer und Dichter Hesiod um 700 v.u.Z.
Hesiod stellt sich selbst so vor im ersten Teil seiner Theogonie (Entstehung der Götter) : Diese (gemeint sind die Musen) nun lehrten den Hesiod schönen Gesang, als er Schafe weidete unter dem gotterfüllten Helikon. Dieses Wort aber sprachen die Göttinnen zuerst zu mir …
Vorher hat der Autor traditions- und ordnungsgemäsz die neun Musen um Inspiration gebeten.
Nun, wir haben es hier also mit einem Bericht aus erster Hand zu tun.
Am Anfang sind Uranos und Gaia. Halt, vorher ist das Chaos, hebräisch später: Tohuwabohu.
In Vers 116 geht es richtig los mit der Geschichte:
Zuallererst wahrlich entstand das Chaos, aber dann
Die breitbrüstige Gaia, der niemals wankende Sitz von allen
Unsterblichen, die das Haupt des schneebedeckten Olymp bewohnen …
Weiter mit 127:
Gaia aber erzeugte als erstes, ihr selbst gleich,
den sternreichen Uranos, damit er sie ganz umhülle (und) damit er den seligen Göttern für immer der nicht wankende Sitz sei.
Sie erzeugte (auch) die hohen Berge, die lieblichen Aufenthaltsorte der Göttinnen,
der Nymphen, die in den schluchtenreichen Bergen wohnen.
Sie gebar auch das unermüdlichwogende Meer, schäumend im Wogenschwall …
Hier schalten wir uns wieder aus.
Dann wird es auch sehr Familien-genealogisch, auch unappetitlich (nur soviel: es wird kastriert). Musz man mögen. Ich erzählte nicht diese Dinge, auf dasz Ihr Euch aufmacht, Opfer zu bringen den ewigen Göttinnen. Denn also geschah es vorzeiten. Ich erzählte nicht diese Dinge, auf dasz Ihr Euch aufmacht, zu kündigen Eure Kirchensteuerzahler-Clubmitgliedschaft. Ich habe Euch ohnehin im Verdacht, dasz Ihr die Bande gelöst habt zu den angestammten Institutionen der Glaubensvermittlung. Und ich weisz, dasz es oft genug geschah aus den falschen Gründen – nämlich, weil Ihr schonen wolltet Euren Geldsack. Ich erzählte diese Dinge nicht, weil diese Geschichten, die alle hundertprozentig wahr sind, blutwahre Beweise sind für Frauenmacht. Ich erzählte alle diese Dinge nicht, weil ich an die Kraft weiblichen Empowerns oder die Magie der Selbstwirksamkeit glaube. Ich erzähle all diese Dinge vielmehr, weil jede Frau eine Göttin ist, genau.
Die „Venus von Willendorf“, Wien

Inzwischen weisz ich alles über mich.
Also, was die Leute über mich sagen. In den letzten einhundertachtzehn Jahren.
Ich selbst habe ja kein Bewusztsein.
Vor einhundertachtzehn Jahren, 1908 nach christlicher Zeitrechnung haben mehrere Männer mich in der Wachau, das ist ein Donautal westlich von Wien, ausgegraben. Erst 90 Jahre später, 1998 nach christlicher Zeitrechnung, wurde ich das erste Mal öffentlich präsentiert. Vorher durften nur Fachleute mich anschauen. Das hat mir nichts ausgemacht – aber viele Frauen fanden das sehr spät. Dabei war ich gleich sehr berühmt! So gab es auch gleich Repliken von mir.
Der Chef von den Männern, die mich bei Bauarbeiten fanden, es waren Archäologen, hat mich gleich abgewaschen. Ich war rot, bemalt mit Rötel, das wurde Jahrzehnte später anhand von winzigen Spuren nachgewiesen.
Oft wurde bedauert, dasz nichts über die Umstände meines Fundes notiert wurde, wo genau fand man mich, in welcher Position etc.pp. Schlampereien.
Mein Alter wurde immer nach einer kleinen Pause genannt: es sind fast 30.000 Jahre. Ich oder mein Material kommt wahrscheinlich aus Norditalien. Über die Alpen bin ich getragen worden vor fast 30.000 Jahren. Verstehen Sie mich nicht misz: ich bin keineswegs stolz darauf, derley Zustände kenne ich nicht. Ich möchte nur, dasz Sie sich das merken. Und dieser Wunsch ist sicherlich Ausflusz meines Aufenthaltsorts. Naturhistorisches Museum Wien. Mein Alter schlosz wahrscheinlich, auch das habe ich nur gehört, die Präsentation in einem Kunstmuseum aus. Wie Sie hoffentlich schon gemerkt haben: ich befühle oder bewerte das nicht.
In diesem Moment, als der Hofmuseums-Mitarbeiter mich abwusch, rutschte mir die wollene Kappe über die Augen. Ich weisz ja, dasz es eine Kopfbedeckung ist, die meisten Menschen allerdings meinen, ich hätte einen Lockenkopf. Es ist mir ein Rätsel, wieso das geschah. Falls Sie meinen, dasz es mit Temperaturen zu tun hat: das können Sie so sehen: denn zu meiner Zeit betrug die mittlere Jahrestemperatur ca. 10 bis 14 Grad Celsius.
In letzter Zeit höre ich oft Bemerkungen über Wollmützen-tragende Männer. Frauen vergleichen meinen Kopfschmuck mit denen der Männer in ihrer Begleitung.
Aber halten wir uns nicht länger damit auf.
Armreifen trage ich noch. Sonst nichts.
Meine Berühmtheit ist mit diesem Titel verbunden: Die Venus von Willendorf.
Damals wurde in Willendorf an der Donau eine inzwischen stillgelegte Eisenbahnlinie gebaut. Wie kamen sie auf „Venus“?
Ich habe gehört, dasz „Venus“ eine römische Göttin ist, eine Göttin der Liebe und der Schönheit. Das war wahrscheinlich nett gemeint von den Menschen.
„Venus“ wurde sehr viel gemalt in der sog. Renaissance, das ist 500 Jahre her und war frisch in Erinnerung. Und etwas – abgesehen von der Magerkeit der weiblichen Wesen – war da ganz anders: diese Venus-Modelle halten ihre Hände vor die weiblichsten Teile ihres Körpers. Oder verhüllen sich mit Stoff-Fetzen. Was mich fragen liesz, wer ihnen die Kleidung, auf die sie ja Wert zu legen schienen, denn wegnahm.
Auf einer wissenschaftlichen Veranstaltung, zu der man mich – hochgesichert und in Begleitung von zwei dunkelblau uniformierten Männern – dazu holte, hörte ich das erste Mal etwas davon: SCHAM. Das heiszt, ich hörte vom Gegenteil: „Venus impudique“. Das ist französisch und bedeutet soviel wie „Schamlose Venus“. So haben sie 1864 eine Frauenstatuette genannt, die nach der Beschreibung mir ähnelt. Ich ging also vom Gegenteil aus und muszte mir erschlieszen, was SCHAM bedeutet. Schamhaar, Schamhügel, Scham-Haft.
Ich habe gelernt, dasz sich die Einstellung der Menschen dazu in den letzten einhundert Jahren sehr verändert hat und der Bestand an Scham reduziert werden konnte, was allgemein auf Zustimmung stiesz.
Als ich gerade zu dieser Erkenntnis gekommen war, hörte ich, dasz ich in einem
Internet-Medium (das kannte ich nun schon), zensiert wurde wegen Pornografie.
Wieder muszte ich ein Fremdwort lernen. Die Sperrung machte mich bekannter und löste eine Debatte über double standards und weiblichen und männlichen Blick aus. Es hätte Wesen aus Fleisch und Blut bestimmt stolz gemacht.
Was ich aber in letzter Zeit öfter höre, wenn sich Besucherinnen über mich beugen, ist: „wow ist die dick, heute hätte sie body-shaming“. Das ist englisch und heiszt Körper-Scham.
Aber ich will nicht verschweigen, wieviele Frauen kommen, um mich zu bewundern. Sie preisen meine Üppigkeit, meine reifen Formen. Sie rätseln über mein Alter – womit sie nicht die 30.000 meinen.
Männer hingegen halten gern kleine Vorträge über mich, sie erklären gern den Frauen, was der Künstler, so sagen sie, damit ausdrücken wollte. Es ginge um „Fruchtbarkeit“. Banal. Sie erläutern es auch nie näher.
Etwas seltener sind die Interpretationen à la „Pin up“ geworden. Also die Ansicht, dasz ich geschaffen wurde, um Männer erotisch zu stimulieren.
Womit wir wieder bei der Pornografie wären.
Dadurch habe ich viel über Männer und Frauen im 21. Jahrhundert in Europa gelernt. Natürlich gibt es grosze Unterschiede.
Ich konzentriere mich mal auf die IDEALE dieser Frauen und Männer. Das tun sie bei mir auch. Und schlieszen dann meist gleich an: keineswegs könne man von Idealen auf Realitäten oder eine Gesellschaftsordnung schlieszen.
Die meisten Frauen leben allein oder in Kleinfamilien. Hier sind sie einem hohem Risiko von Einsamkeit und / oder Partner-Gewalt ausgesetzt. Zu ihrem Leben gehört auch mehr Armut, besonders, wenn sie Kinder haben. Das Frauen-Ideal ist ein schöner schlanker Körper und Kinder und Glück und ein Eigenheim.
Sie machen Sport und arbeiten an sich und an anderen und mit Computern.
Manchmal kommen sie kurz zur Ruhe, hier, im Museum, wenn sie mit Freundinnen kommen und ohne Kinder.
Catalhöyük

Wir spielen jetzt ein Spiel!
Vorab benötigen wir zwei Regeln, die weiteren werden sich ergeben. Sprachregel: wer die beiden verbotenen Wörter benutzt, musz aussetzen, bzw. wird aus-gesetzt. Einmal werde ich sie gleich kurz nennen.
Bewegungsregel: es geht von Dach zu Dach und es sind Leitern zu benutzen.
Die Regeln werden während des Spiels angepaszt, nachzuschlagen unter Stand der Forschung.
Dieses ist das Spielfeld. Wir benutzen eine Rekonstruktion nach den Grabungsplänen.
Catalhöyük – auf Deutsch etwa „Gabelburg“. Wegen der Weggabelung am Fusze der beiden Hügel.
Regel eins: Die Wörter Matriarchat und Patriarchat sind verboten. Nein, bei Spielregeln kann mensch keine Warumfragen stellen.
Mit den ersten Spielzügen erklimmen wir das Plateau der groszen Begriffe. Die Zahlen werden erwürfelt: Zeitraum ca. 7.100 bis 5.950 vor unserer Zeitrechnung.
Auf einem Spielfeld steht Neolithisierung. Wer das Cärtchen umdreht, erfährt: Menschheit wird seszhaft. Hausbau, Ackerbau, Viehzucht. Irrtümlich auch „Neolithische Revolution“ genannt. Neolithikum = Jungsteinzeit. Von hier aus führen verschiedene Wege weiter und eine Entscheidung wird verlangt.
Warum geschieht das?
Der breiteste und ausgetretendste Pfad beantwortet diesen grundlegenden Wandel mit Klimawandel: es wird wärmer. Die Menschen müssen nicht mehr den Auerochsen-Herden hinterherjagen, sondern züchten die friedlichsten Exemplare und nutzen sie wie vorher komplett.
Ein kleinerer ist mit dem Warnhinweis: Vorsicht: historischer Materialismus, Vorgeschichtsforschung in der DDR versehen und bricht bald ab. Hier findet sich das M.-Wort und die klassenlose Gesellschaft, und der Begriff des Urkommunismus. Auflösung des M. erst in der Monogame Familie. Auftauchen des P. am Übergang von Barbarei zu Zivilisation, d.h. in den Sklavenhalter-Gesellschaften der Antike. Vgl. hierzu Friedrich Engels, Der Ursprung der Famiie, des Privateigentums und des Staates, 1884.
Ganz klar widerlegt und nur von historischem Interesse, dieser Engels. Kostprobe auf folgendem Kärtchen:
„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen Zeit offen hervortritt, ist allmählich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs.“
Ereigniskarte EIGENTUM: Grund und Boden ist neuerdings Eigentum. Zweifellos haben wir das heute. Also wir haben eher nichts davon. Kein Eigentum. Stattdessen können wir hier diskutieren, wann und warum das Eigentum am Boden, neben der Arbeit die Quelle allen gesellschaftlichen Reichtums, erfunden wurde.
Erst dann rücken wir ein Feld vor.
Zahlen zwei: Catalhöyük hatte mehrere Tausend Einwohner, es ist nur ein kleiner Teil der Siedlung ergraben, daher schwanken die Schätzungen zwischen 3.000 und 8.000.
Jetzt wieder eine Begriffskarte: erste Groszsiedlung der Menschheit.
(auf der Rückseite der Vermerk: älteste bislang bekannte).
Wir bewegen uns von Dach zu Dach, steigen mit Leitern hinab in die Häuser. Hier sind wir geschützt vor der Sonne, es ist hell genug, Nachbauten ergaben das. Bedingt sind wir auch vor Überflutung geschützt. Bedingt, weil das Material aus getrockneten Lehmziegeln besteht, mit Mörtel verfugt.
Ist ein Haus sanierungsbedürftig, so wird an gleicher Stelle ein ebenso groszes, rechteckiges Haus wieder errichtet. Eine Bienenstock-Struktur, doch nicht sechs- sondern vier-eckig.
In runden Tontöpfen wurde gekocht.
In bis zu 18 Schichten siedeln sich die Catalhöyüker, von denen wir nicht wissen, wie sie sich nannten, nach oben. Bis zu 20 Meter Mächtigkeit zählt einer der Archäologen den Hügel, auch Tell genannt.
Rücke ein Feld vor: Gab es Schrift? Nein. Rücke ein Feld zurück.
Gab es Göttinnen? Dieses Feld kannst Du überspringen. Tun wir nicht.
Der erste Ausgräber der anatolischen Siedlung, der Brite James Mellaart, der Catalhöyük bekannt machte, erkennt eine Göttin. (Bild) Die Frauenfigur tront, evt. hat sie gerade entbunden, ihre Hände ruhen auf Leopardenköpfen.
Spätere Archäologinnen trauen sich nicht, eine solche Göttinnen-Aussage zu treffen, bzw. sie zweifeln diese an.
Wo bestatteten die BewohnerInnen ihre Toten?
Sie behielten sie bei sich – die Toten wurden innerhalb des Hauses bestattet, offenbar unter den Bettstellen, unter einer Lehmschicht. Aufgrund des grossen Durcheinanders der Knochen, gehen ArchäologInnen davon aus, dasz die Toten zunächst im Freien exponiert wurden und Geier (heute: Gänsegeier, Schmutz-geier, Bartgeier) zunächst die Weichteile entfernten. In einem Haus wurden Skelett-Teile von 62 Personen gezählt.
Entscheide selbst, ob Du ein Feld vor oder eines zurück möchtest.
Auf beiden Feldern ist der Startpunkt zum Thema Verwandtschaft. Bei Grabungen in den 1990er und 2000er Jahren kam mit neueren forensischen Methoden Erstaunliches ans Licht: der britische Archäologe Ian Hodder benutzte das Adjektiv „weird“. BILD Hier eine Darstellung, die viele Rätsel aufgibt. Ein Stadtplan? Ein Leopardenfell?
Es wurde klar, dasz die Organisation der Gesellschaft nach matrilinearen Grundsätzen funktionierte. D.h. die Frauen in einem Hause waren miteinander verwandt. Die Männer nicht. Meist wird Eigentum dann über die weibliche Linie vererbt.
In den meisten Gesellschaften ist Matrilinearität für Frauen günstiger als Patrilinearität.
Nächstes Feld: Grabbeigaben. Die meisten Frauen, wenn sie denn einzeln bestattet wurden, haben reichere Grabbeigaben als Männer.
Die Ernährungssituation von Männern und Frauen war gleich gut. Ältere Individueen aszen mehr Fleisch als jüngere.
Ihre Knochen verrieten, dasz sie überwiegend den gleichen Tätigkeiten nachgingen.
Erst dank DNA-Forschung wissen wir, dasz nicht alle HausbewohnerInnen blutsverwandt waren. (s.o. Frauen verwandt, Männer und auch Kinder fremd.) Die Familie war nicht „kleinste Zelle der Gesellschaft“. Wir könnten eher von WGs in Lofts sprechen – es waren ungeteilte Räume, in denen nicht unbedingt mit einander Verwandte miteinander lebten. Eltern zogen nicht Kinder auf, ohne „biologisch“ deren Eltern zu sein.
Ziehe eine neue Begriffskarte: Egalitär. Bei allen Unterschieden der Ergebnisse der Grabungen und nachfolgenden Analysen in den 1960ern bis ins 21. Jahrhundert: da es keine sehr groszen Unterschiede in Ausstattung und Grösze zwischen den Häusern gab, wurde die Bezeichnung egalitär verwandt. Es habe sich um eine egalitäre Gesellschaft gehandelt.
Archäologe Hodder: „a female centered society“.
Du kannst eine weisse Carte mit rotem Kreuz ziehen: Neuere Analysen zeigen ein recht elendes Gesundheitszustand der Catalhöyüker: sie litten an Parasiten und Vitaminmangel.
Ziehen wir die Religionskarte (absurderweise zeigt sie eine christliche Kirche):
Hatte der Archäologe Mellaart in den 1960ern noch von zentralen, religiösen Bauten gesprochen – was vermutlich zutraf für alle bisher ergrabenen Siedlungen im fruchtbaren Halbmond, einen groszen Bogen von Mesopotamien im Südosten bis Catalhöyük im Nordwesten und Jericho im Südwesten. (Das Areal der Neolithisierung ab dem 12. Vorchristlichen Jahrhundert) Revision: es gab keine speziellen spirituellen Bauten und es gab überhaupt keine zentralen Bauten.
(Wobei einschränkend gesagt werden musz: solche wurden bislang nicht gefunden.)
In jedem der Häuser war offenbar ein kultischer, ein spiritueller Bereich. Darauf deuten Brandspuren, Wandbilder und die Tatsache, dasz diese Bereiche sich immer in der gleichen Himmelsrichtung befanden. Nein, nicht im Osten wie in Kirchen.
In einigen dieser Bereiche befanden sich grosze Kuh-Hörner, Auerochsen-Hörner.
Hier wieder zwei Wege: markiert mit dem Mars- oder dem Venus-Zeichen.
Mellaart, der erste Ausgräber von Catalhöyuk, deutete die prächtigen Hörner des Ur oder Auerochsen, von dem auch unsere heutigen Rinder abstammen, als Zeichen des Männlichen. Ebenso, wie er jeden Strich als männlich deutete. Jedes Dreieck und jeden Haken als weiblich.
Wuszte er gar nicht, dasz auch die Ur-Kuh Hörner trug?
Der Venus-Weg hält das Kuh-Horn-Symbol für weiblich. Hier treffen wir Marija Gimbutas. (Gimbutas ist eine der profiliertesten Matriarchatsforscherinnen, geboren 1921 im damals polnischen Vilnius, gestorben 1994 in Los Angeles. Archäologin, Anthropologin, Prähhistorikerin. Harvard-Dozentin, später Professorin in L.A.. Gimbutas brachte archäologisches, linguistisches (13 Sprachen konnte sie lesen) und mythogisches Wissen zusammen. Auszenseiterin in der Fachwelt.)
Welchen Weg haben wir jetzt gewählt? Wir sind stehen geblieben wie ein Esel, der ja bekanntlich überlegt und deshalb als stur gilt.
Esel, Schafe und Ziegen gab es. Und vermutlich Hirtinnen und Hirten.
Unser Ziel erreichen wir, indem wir uns einer Herde anschlieszen, sie führt uns weit um die Siedlung herum und zum Flusz Carsamba. Unterwegs haben wir Gelegenheit, uns über weiblich und männlich zu unterhalten und wieviele Geschlechter es gibt und wie oder ob sie dargestellt werden.
Dafür malen wir kleine Kärtchen, die wir hochhalten können.
Minankabau

Screenshot
Achja, die Minankabau. Sagen-haft. Die Minankabau auf Sumatra, einer Etnie auf der zweitgröszten indonesischen Insel. Die lebten oder leben doch auf einer matriarchalen oder mindestens doch matrilinearen Insel innerhalb des weltweit gültigen und für Frauen ungütigen und unguten Patriarchats.
Ich habe mich bemüht. Ich habe mich bemüht mit meinen bescheidenen Mitteln – als Nicht-Ethnologin und als weit entfernte weisze Feministin – etwas herauszufinden über das Volk der Minankabau. Die erste Recherche ergibt zuverlässig: die gröszte matriarchale Gesellschaft der Welt.
Was aber ist daran zuverlässig?
Wobei ich hier die Frage „was ist das Matriarchat“ einmal rechts und links liegen lassen will.
Reiseveranstalter Meier wirbt:
Undurchdringlicher Dschungel, spektakuläre Gebirgslandschaften mit aktiven Vulkanen, palmengesäumte Strände und eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt – die Insel Sumatra ist ein Traumziel vor allem für naturbegeisterte Urlauber. Einen Besuch wert sind auch aufstrebende Metropolen wie die Hauptstadt Medan und die zahlreichen traditionellen Dörfer im Hinterland.
Mit diesem Klischee-schönen touristischen Bild im Hinterkopf können wir entspannt suchen nach Kunden über diese Seltsamkeit einer nicht-patriarchalen Gesellschaft.
Im 19. Jahrhundert setzt, ich folge hier der Kulturwissenschaftlerin und Anthropologin Ute Marie Metje, eine wahre Flut von Berichten ein. Niederländische Kolonialbeamte und ein britischer Orientalist berichteten von matriarchalen Zuständen. Indonesien war als „Niederländisch Ostindien“ von 1602 bis 1949 war niederländische Kolonie – Sumatra wurde erst im 19. Jahrhundert unterworfen).
Das 19. Jahrhundert, in Deutschland besonders die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Hochzeit der VÖLKERKUNDE. Der Blick der Männer und der wenigen Frauen, die die fremden Völker aufsuchten, deren Territorien nun zumeist zu ihrem Vaterländern gehörten, war gekennzeichnet von Differenz, Überlegenheit – und einem Rettungsgedanken. Die Bedrohung durch die Zivilisation, aus der die Betrachtenden angesegelt waren, wurde wahrgenommen und kritisch gesehen.
Was die ersten europäischen Berichte über die Minangkabau auf Sumatra angeht – ich habe sie nicht gelesen, es mangelte an Zeit und Sprachkenntnissen im Niederländischen – weisz ich, dasz hier schon eine Wehmut durchklingt, dasz das Volk seine Matrilinearen Traditionen wohl nicht lange würde bewahren können. Laut Ute Marie Metje prophezeite schon 1894 ein niederländischer Arabist und Islamwissenschaftler den Niedergang der Matrilinearität und führte das auf die Islamisierung zurück.

Indonesien ist islamisch. In den Filmen über die Minankabau werden am liebsten die prächtigen Hochzeitszeremonien mit den total bombastischen Kostümen gezeigt. Die Bräute tragen gewaltige goldene Kronen in Heiligenscheinform.
Es sind aber zwei Bilder aus dem Alltag der Frauen, die sich mir eingebrannt haben: Das erste: Auf den Landstraszen zwischen den grünen Reisfeldern, umrahmt von spitzkegeligen Bergen fahren Frauen Moped. Sie sind barfusz und tragen Motorradhelme, darunter flattert der Schleier.
Alle Frauen sind durch die Verhüllung ihrer Haare, ihres Halses und ihrer Schultern als Musliminnen zu erkennen.
Aus einigen Gesprächen geht hervor, dasz die Frauen „früher“ kein Kopftuch trugen. Wann das „früher“ war, vermittelt sich nicht.
Die Islamisierung Sumatras begann Anfang des 19. Jahrhunderts (sog. Padri-Bewegung) durch eine militante islamische Reformbewegung, die sich gegen Tabak, Alkohol, Glücksspiel – und gegen die Niederländer und gegen Matrilinearität kämpfte. Es schlosz sich ein langer Guerillakrieg gegen die Kolonialmacht an.
Der zweite und dritte Blick macht immer alles komplizierter.
Ein paar hundert Kilometer weiter nördlich (auf Sumatra) in der Provinz Aceh gilt die Scharia, kleine Kostprobe aus dem Scheidungsrecht: ein Ehemann spricht dreimal die Worte „Ich verstosze Dich!“ zu seiner Ehefrau und ist rechtsgültig geschieden. (Die Frau musz sich an ein religiöses Gericht wenden, und überzeugend, am besten mit Zeugen, darlegen, dasz der Mann seine Pflichten vernachlässigt hat.)
Es gilt nicht die Scharia, sondern eine Verbindung zwischen dem alten, teilweise matriarchalischem Gewohnheitsrecht der Minankabau und dem Islam. Ein Redensart erklärt die Melange der Extreme: Adat (das Gewohnheitsrecht) kam herab, Islam kam herauf. Nach alter Vorstellung haben die Minangkabau früher oben in den Bergen gelebt.
Das Bild der flotten Mopedfahrerinnen, viele erfolgreiche Geschäftsfrauen, studierte Frauen der Minangkabau, mag noch in mein altes feministisches Album passen – das einer weiszen europäischen Feministin. Mein zweites Minankabau-Bild, das ich nicht loswerde: Es werden Bilder aus der Grundschule gezeigt. Lauter fein herausgeputze kleine Mädchen, sie sind alle verschleiert. Da ist mir dieses matriarchale oder mindestens doch matrilineare Suppengericht versalzen.
Berichtet wird in den Filmen überwiegend von erfolgreichen Frauen, die an ihre Töchter vererben. Was ist mit den anderen Frauen? Der Mann wird als „Gast im Haus“ bezeichnet, denn er zieht zur Familie der Frau. Wir hören einen sehr zufriedenen Ehemann, der nicht arbeitet und gut versorgt wird. Und unzufriedene Frauen, die unter der Last der Verantwortung und der Faulheit der Männer stöhnen – oder das klassische moderne Ideal der Kleinfamilie bevorzugen, mit dem Mann als Ernährer. Das sei auch im Einklang mit dem Islam.
Der Muezzin ruft.
In einem stimmen wahrscheinlich Islam und Adat überein: die Ehen werden arrangiert. Ehelosigkeit gilt als Makel.
Der Muezzin ruft.
Es heiszt, dasz Männer zunehmend den Frauen ihre Rechte streitig machen.
Der Muezzin ruft.
Viel anderes und Schönes kommt in Filmen und Literatur vor, aber ich habe einen Muezzin-Tinnitus. Oder mindestens doch einen Ohrwurm.
Am Ende meiner kleiner Beschäftigung mit dem Minangkabau-Matriarchats-Mythos komme ich endlich zu einer eigenen Position. Und zwar durch eine Definition, was es denn sei, das Matriarchat. Quelle: ein Interview mit der Filmemacherin Uschi Madeiski zu ihrem Dokumentarfilm über die Minangkabau, „Mutterland“ aus dem Jahr 2019. Nach ihrer Faszination für das M. gefragt, nennt sie das Mütterliche als Zentrum und das Denken in Clans. Heirat diene der groszen gesellschaftlichen Balance. Zentral sei die Fürsorge, die nicht professionalisiert und an Institutionen delegiert ist. Alles funktioniert über menschliche Beziehungen. Der Mutterclan schütze die Frauen und ermuntere sie, individuellen Vorlieben und Interessen nachzugehen.
Also auch wenn das so ist, wie Madeiski nach ihren Besuchen bei Minangkabau in Indonesien und den Mosuso im Süden Chinas meint, festgestellt zu haben, das ist für mich kein erstrebenswertes Lebensmodell. Da bemühe ich die Biologie:
Es fehlt mir das Clan-Gen und das Mutter-Tier in mir.
Frauenpaare

Die Frauen von Gönnersdorf unweit von Koblenz tanzen seit über 12.000 Jahren. Seit den späten 1970er Jahren sind sie weltbekannt: auf rund 400 gravierten Schieferplatten tanzen Frauen mit hervorragenden Hintern – etwa 10 Prozent der Weiblichkeiten tanzen einander zugewandt, tanzen miteinander. Auszerdem wurden gefunden und dokumentiert: 13 Frauenstatuetten aus Geweih oder Elfenbein. Eindeutig männlich lesbare Figuren sind nicht bekannt. Die Weibsbilder sind also um 10.500 vor unserer Zeitrechnung geritzt oder geformt worden.
Die Intensität der Wiederholung läszt an Schrift denken. Oder an Ikons? An Emojis? Oder ein Miem (meme)?
Für die miteinander tanzenden Frauen fehlte offenbar damals und heute ein Wort, eine Sprache, ein Deutungsrahmen.
Ausführlich stellt die Urgeschichtsforscherin Gabriele Meixner in ihrem Buch „Frauenpaare in Kulturgeschichtlichen Zeugnissen“ (1995) die Tänzerinnen vor. Ursprünglich waren die verzierten Schieferplatten eine Art Auslegeware von drei zeltartigen Behausungen, die vor gut 12.000 Jahren bewohnt waren. Tierdarstellungen finden sich auch. Männerdarstellungen wie gesagt nicht.

Der Befund war wohl zu offensichtlich, der oberste Archäologe, Gerhard Bosinsky, der sehr gut dokumentierte, suchte nicht nach heterosexuellen Paaren oder männlichen Jäger-Helden.
Hier drei lustige Anekdoten aus der Archäologen-Welt: Wikingergräberfeld Birka, Grab BJ 581: Über 100 Jahre galt das prächtige, wohl mit einem hohen Findling markierte Grab als letzte Ruhestätte eines Fürsten, eines Heerführers, jedenfalls als eines Wikinger-Heldens. Warum? Wegen der vollen Waffenausrüstung und einer kostbaren Import-Tracht.
Nachdem per DNA-Untersuchung festgestellt wurde, dasz es sich um eine Kriegerin der Oberschicht gehandelt haben musz, wurde den Anthropologen eine Vertauschung der Knochen vorgeworfen.
Die Kelten-Fürstin von Vix – die Dame ruhte in einem Prachtgrab mit Prunkwagen – galt in den 1950er Jahren, da das Grab in Burgund ergraben wurde, zunächst als sexy „Prinzessin“, dann mischte sich der deutsche Kelten-Archäologe Konrad Spindler ein: keinesfalls könne es sich um ein Frauengrab handeln. Hier sei ein Mann in Frauenkleidern, also ein Transvestit, beerdigt.
(Die These konnte sich nicht durchsetzen.)
Drittes Beispiel: in Wels in Oberösterreich galt das Körpergrab Nr. 13, in dem 2004 zwei engumschlungene Skelette freigelegt wurden, als ein früh-mittelalterliches Ehepaar. 20 Jahre später gelang es der Anthropologin Sylvia Kirchengast das Grab nicht nur neu, nämlich 500 Jahre früher zu datieren, sondern auch festzustellen, dasz es sich um zwei Frauen handelte, die miteinander verwandt waren. Bestattet wurden sie übrigens auf einem Pferd, die ältere Frau hatte typische Reiterinnen-Deformationen.
(Nun, bis zum Beweis des Gegenteils: die beiden betrieben eine erfolgreiche Reitschule für Männer und einen Ponyhof für Mädchen.)
Ich sagte eben: die tanzenden Gönnersdorferinnen seien sehr bekannt.
Uns vielleicht. Also spätestens jetzt.
Leider finden wir auf der Seite des Museums in Neuwied, in denen die Funde präsentiert werden, erstmal nur Männer, auf Steinzeit-Jäger geschminkt – und fast keine akzeptablen Darstellungen der Tänzerinnen.
Nun komme ich aber wirklich zum Schlusz:
Ich habe die These von Gabriele Meixner, dasz das Frauenpaar das erste in der Kunstgeschichte der Menschheit dargestellte Paar ist, einmal von KI prüfen lassen.
Das Ergebnis fiel sehr negativ aus. Für KI. Hier auf jeden Fall PI – patriarchale Intelligenz. Die unterschiedlichen Antworten hatten die Frage nicht verstanden. Mir wurde erklärt, dasz die ältesten Darstellungen in der Kunstgeschichte Tiere und Hände und Jagdszenen in Höhlen seien. Ich fühlte mich sofort in einer Mansplaining-Höhle – übrigens hier Dank an Rebecca Solnit, die uns den Begriff Mansplaining schenkte.
Und ich erfuhr auch noch, dasz die Venus von Willendorf zwar alt sei, aber kein Paar. Und dasz Forschende Paare meist als Fortpflanzungsszenen interpretieren.
Und dasz es Frauenpaare erst in antiker Kunst gebe – und das mehrdeutig und selten. Erst im 19. Jahrhundert gäbe es eindeutige Frauenpaare.
Eindeutiger kann Sexismus wohl kaum kondensiert werden: Dein Blick existiert nicht und Du Frau existierst nicht und Ihr zwei Frauen doppelt nicht.
Mist, ich wollte doch froh und optimistisch und utopistisch und escapistisch aufhören. Also: ein Hoch auf (unsere) WI – weibliche Intelligenz.
Zeichnungen von Birgit Kiupel
Verwendete Quellen (Auswahl)
- https://www.spektrum.de/news/Catalhoeyuek-leben-und-sterben-mit-der-wahlfamilie/1937062
- https://www.youtube.com/watch?v=vmFKBf5OVoI
(Vortrag von Ian Hodder, Archäologe, über Catalhöyük= - Dokumentarfilm von Agnés Molia für Arte von 2019 „Im Reich der Frauen: Indonesien – Die Minangkabau“ (gibt’s bei Youtube)
- Art. von Peggy Reeves Sanday (ehem. Prof. für Anthropologie, Univ. Pennsylvania) https://www.doriswolf.com/wp/spuren-vergangener-und-bestehende-matriarchate-heute/das-matriarchat-in-west-sumatra/
Bücher:
- Ausstellungskatalog: Sprache der Göttin – Symbolik im neolithischen Alt-Europa, Annäherung an das Werk von Marija Gimbutas, Frauen-Museum Wiesbaden, 1994.
- Gimbutas, Marija, Die Sprache der Göttin, Frankfurt/M. 1996.
- Heide Göttner-Abendroth, Das Matriarchat I, Geschichte seiner Erforschung, Stuttgart/ Berlin/ Köln 1989.
- Hesiod, Theogonie, Hg. von Karl Albert, Sankt Augustin 1990.
- Karl Kerényi, Die Mythologie der Griechen, Band 1: die Götter und Menschheitsgeschichten, München 1966.
- Gertraud Klemm, Abschied vom Phallozän – eine Streitschrift, Oder: wann sprechen wir endlich vom Matriarchat? Berlin 2025
- Gabriele Meixner, Frauenpaare in kulturgeschichtlichen Zeugnissen, München 1995.
- Ute Marie Metje, Die starken Frauen – Gespräche über Geschlechterbeziehungen bei den Minangkabau in Indonesien, Frankfurt/M., New York 1995.
- Vera Zingsem, Göttinnen grosser Kulturen, Tübingen 1995.

